oder …

Spinnen, Zwirnen, Wickeln

Nach Scheren, Sortieren und Waschen, Zupfen, Kämmen und Ziehen und Kardieren der Wolle kann es nun weitergehen, damit aus ihr etwas zum Anziehen für die kalten Tage entstehen kann.

Ich könnte die Wolle filzen. Das ist auch eine alte Technik zur Textilherstellung. Doch ich folgte einem anderen Weg und holte dazu eine spezielle Kiste hervor, meine Sammlung an Gerätschaften zum Spinnen. In dem Sammelsurium liegen, neben anderen nützlichen Hilfsmitteln zur Weiterverarbeitung von Wolle, beinahe alle meine Handspindeln; bis auf eine, alle Eigenbau.

Egal was für eine Faser ich verspinnen möchte, zuerst probiere ich sie mit einer Handspindel aus. Jede Faser ist anders und mit den einfachen Spinngeräten lerne ich sie auf langsame Art und Weise besser kennen. Erst danach setze ich mich mit dem Material an Geräte für schnellere Ergebnisse an Spinnwerk.

Vorab ein wenig zu den Ursprüngen

Die Verarbeitung von Fasern zu Faden und Garn gehört zu den ältesten Kulturtechniken der Menschen. Mit Faden und Garn lassen sich im nächsten Schritt Schnüre, Seile, Netze und Textilien herstellen.

Strohschnüre in Campus Galli

Die ältesten Funde, die nachweislich von Menschen hergestellt wurden, sind etwa 30.000 Jahre alt. Sie bestehen aus Flachsfasern (Quelle), bei einem anderen Fund aus Brennnesseln (Quelle – Untertitel: Urgeschichtliche Textilnachweise) und auch aus Bastfasern, zum Beispiel Lindenbast.
Bis tierische Fasern verarbeitet wurden dauerte es, bis, zum Beispiel, Schafe domestiziert waren.

Allerdings bin ich mir sicher, dass jemand vorher schon entdeckte, als sie/er durch das Fell eines Hundes streichelte, dass das Tier fusselt, sich etwas aus den heraus gestrichenen Haaren machen lässt! Mir erging es nicht anders, als meine Kater bei mir einzogen.

Das herausgekämmte Faserbüschel war einfach eine Inspiration.

Katzenhaarperlen

Neben dem Flechten entwickelte sich das Spinnen, die Technik durch Drehen und Ausziehen die Fasern zu Verdichten und zu Verfestigen. Dazu reichen erst einmal nur der Daumen und ein weiterer Finger. Damit sich der entstandene Faden nicht wieder aufdreht muss er, zum Beispiel auf einem Stöckchen, aufgewickelt werden.

Das ist mühsam! Allerdings lässt sich auf diese Art selbst das superfeine, kurzfaserige Unterhaar meines einen Katers verarbeiten.

Eine Verbesserung bringt das Hakenstöckchen. Solche kurzen Zweige mit einer kleinen Gabel am Ende gelten als die ersten Spinngeräte. Statt den Faden mit den Fingern zu zwirbeln, wird er am Hakenende befestigt. In der linken Hand die Wolle, kann mit der rechten Hand das Stöckchen über den Oberschenkel gerollt werden.

Die Sicherheitsnadel bitte wegdenken, denn ich benötigte eine Hand um den Auslöser der Kamera drücken zu können.

Von hier aus ist es nur noch ein kurzer Weg bis zu den ersten einfachen Handspindeln.

Fallspindeln

Man nehme einen Ast oder Stab als Spindelschaft, ein Gewicht mit einem Loch in der Mitte, stecke beides zusammen und fertig ist die Handspindel. Als Gewicht bzw. Schwungmasse, Wirtel genannt, verwendete ich bei meinen Handspindeln bisher Holzräder, da diese, mit der Bohrung in der Mitte, schon zentriert sind.

So einfach? JA!

Bis dann ein Faden entstehen kann braucht es einzig etwas Übung. Geduld natürlich ebenso.

Ein Stück vom vorgedrehten Faden schiebe ich durch die Wirtel, damit der Stab sicher festgeklemmt wird.

Zudem wird dieser Faden zum Anspinnen der neuen Fasern benötigt.

Jedes Stück gesponnenes Garn wird auf den Schaft gewickelt, bis die gewünschte Menge erreicht ist. Dann muss abgewickelt werden.

An dieser Spindel habe ich auf eine Kerbe am Spindelkopf, dem oberen Ende der Spindel, verzichtet. Eine Kerbe oder einen Haken zum Sichern der Schlaufe benötigen vor allem Anfänger. Haken mag ich nicht an Handspindeln und sehe sie eher als Verletzungsgefahr. Dornröschen lässt grüßen – aber dazu später mehr.

Kreuzspindeln

Zu faul zum Abwickeln? Das kann ich verstehen!
Zum Glück kam irgendwann irgendjemand auf die Idee den Wirtel zu ersetzen, zuerst durch vier schmale Zweige, die in Paaren an ihren Enden mit Schnüren verbunden wurden.

Die Zweigpaare, über Kreuz auf den Schaft geschoben, dienen als Wickelhilfe des gesponnenen Fadens.

Genug gesponnen kann das Astkreuz mit dem Gespinst vom Schaft gezogen werden …

… genauso wie die Äste aus dem Knäuel!

Ist das nicht genial?

Die meisten Kreuzspindeln heutzutage bestehen aus einem Schaft und zwei durchbohrten Holzleisten. Zweifellos gibt es schickere Modelle als meine einfachen, aber sie erfüllen ihren Zweck.

Nach Lust und Laune gebe ich dem Schaft am unteren Ende Gewicht, doch in der Regel reicht das Holzkreuz als Schwungmasse – ohne Haken ;-).

Fallspindeln und Kreuzspindeln gibt es weltweit in den unterschiedlichsten Varianten. Einige durfte und konnte ich ausprobieren. Tatsächlich komme ich immer wieder auf die hier vorgestellten Handspinnmodelle zurück.

Kreuzspindeln sind keine wirkliche Verbesserung, sondern nur eine Erleichterung am Ende des Spinnvorgangs. Um schneller an Garn aus den Fasern zu kommen braucht es andere Lösungen.

Das Spindelrad

Nächster Gedanke. Man fixiert die Spindel auf einer Achse. Auf eine andere Achse kommt ein größeres Schwungrad. Der äußere Rand der Spindel wird durch einen Riemen mit dem Schwungrad verbunden. Eine Umdrehung des Schwungrades führt zu vielfacher Umdrehung der Spindel – das Spindelrad war erfunden.
Die Idee entstand wahrscheinlich in Indien oder China, irgendwann zwischen 500 und 1.000 n. Chr. und kam im 3. Jahrhundert nach Europa.
Eine Abbildung dazu fand ich wieder in den Smithfield Decretals des Papstes Gregor IX. von 1234, nachzuschauen im Onlinearchiv der British Library, auf der 137. Doppelseite (f.137r) der digitalisierten Seiten.

Das Spindelrad hatte es schwer in Mitteleuropa, Als „Teufelswerk“ war es noch 1268 in Paris und 1288 in Abbeville verboten. Die Webereien waren unzufrieden mit der mangelnden Qualität des mithilfe des neumodischen Geräts gesponnenen Garns. Als Masse statt Klasse eignete es sich nur bedingt zur Verwendung als Kettfäden auf den Webstühlen – Kettfäden müssen Spannung aushalten können – und schließlich wurde Garn aus dieser Produktion hauptsächlich als Schussfaden verwendet.

Das Spinnrad

Die Suche nach der Optimierung sollte den Wunsch der Spinnerinnen erfüllen, beide Hände beim Spinnen frei zu haben, sowie eine sich ständig drehende Spindel. Dazu brauchte es die Erfindung des Tretpedals für das Schwungrad und dem Flügelrad an der Spindel. Statt mit der Hand konnte nun das Schwungrad mit dem Fuß in Bewegung gehalten werden.

Die Spindel wurde zur Spule und bekam auf ihrer Achse einen U-förmigen Begleiter mit Haken, das Flügelrad, das seitdem das Aufwickeln auf den Spindelschaft, bzw. die Spule, übernimmt.

Ist die Spule voll mag das deutlich schneller gegangen sein als in Vorzeiten. Was bleibt, wie früher …

  1. das einfädige Garn verdreht sich, sobald es von der Spindel kommt
  2. das Garn muss runter von der Spindel, bzw. der Spule

Zwirnen

Ich denke jede/r weiß, wie man eine Kordel dreht und herstellt. Man dreht einen Faden so lange in eine Richtung bis er sich von selber verzwirbelt.

Wenn Fasern beim Spinnen in eine Richtung verdrillt werden reagiert der entstandene Faden genau so – er verdreht sich, sobald er abgewickelt wird. Mit solch einem Faden ist es schwierig weiter zu arbeiten. Besser ist diese Tendenz, sich zurückdrehen zu wollen, gezielt auszugleichen.

zwei Spulen auf einer Lazy-Kate beim Zwirnen

Ist der einzelne Faden in Uhrzeigerrichtung gesponnen, werden in Gegenrichtung zwei oder mehr Fäden miteinander verzwirnt.

links zweifach gezwirnte Wolle, rechts einfach gesponnen

Eine spezielle Form des Zwirnens ist das Navajo-Zwirnen. Dabei wird aus einem Faden ein dreifädiger Zwirn hergestellt, DIE Lösung, nicht nur für Handspindel-SpinnerInnen. Eine gute Erklärung dazu bietet dieses Video.

Garn wickeln – zu Knäueln oder zu Strängen?

Alles gesponnen, alle Spindeln und Spulen voll und dann? Abwickeln! Je nachdem, was aus dem Spinnwerk später geschehen soll, kann die Wolle zu Strängen oder zu Knäueln gewickelt werden. OK, von der Kreuzspindel kommen schon Knäuel, aber von allen anderen Spinngerätschaften nicht.

Möchte ich die Wolle später färben oder direkt verstricken sind Stränge die erste Wahl. Im Knäuel kann Wolle nicht gefärbt werden. Nur frei schwimmend im Farbbad nimmt sie gleichmäßig an allen Stellen Farbe auf.

Ebenso verfahre ich, wenn ich nach dem Spinnen genau weiß, dass ich das Garn wie es ist gleich weiter verarbeiten werde. Egal ob daraus ein Strick-, Häkel- oder Webwerk entstehen soll, kommt das Garn auf die Haspel. Ich verwende eine Kreuzhaspel, auf englisch niddy noddy.

Den Strängen gönne ich vor der weiteren Verarbeitung ein Wellness- bzw. Entspannungsbad. Im warmen Wasser liegend gleicht sich der durch das Spinnen und Zwirnen entstandene, teilweise ungleiche, Drall aus und die Fasern richten sich etwas auf. Das Garn liegt nach diesem Bad, wenn es dann getrocknet ist, griffiger und angenehmer in der Hand.

Wenn ich mir unklar darüber bin, was ich später mit dem Garn machen möchte wickle ich es gleich zu Knäueln. Dazu gibt es einige Hilfsmittel, von ganz einfach bis elektrisch, und noch weiter, hin mit Zählwerk für die laufenden Meter. Ich bin da eher traditionell und verwende einen Wickeldorn bzw. eine Nostepinne (Link). Das ist ein konisch zulaufender Stab, den man kaufen kann. Den ersten kaufte ich mir noch. Inzwischen weiß ihn durch alles mögliche zu ersetzen.

Spinnmaschinen

Mit dem Beginn der Industrialisierung kam es zur Erfindung der Spinnmaschinen. Einen Vorläufer entwickelten zwei englische Erfinder zwischen 1738 und 1758, John Wyatt und Lewis Paul. Den Anfang machte John Wyatt mit der Verwendung von Streckwalzen in einem Rahmen, durch die der zu spinnende Faden „automatisch“ aus den Faserbändern gezogen wurde. Die Idee dazu hatte er schon 1733, als er es zum ersten Mal schaffte einen Faden aus Baumwollfasern, durch Rollen laufend, mechanisch zu ziehen. Den nächsten Schritt unternahm sein Partner Lewis Paul, der zu den Walzen Spindeln mit Flügelrad von den Spinnrädern hinzufügte, damit das Aufwickeln des Garns auf die Spule möglich wurde. Diese neue Technik begeisterte den walisischen Priester und Dichter John Dyer sogar dermaßen, dass er ein Gedicht darüber verfasste.

Spinning Jenny
Quelle: Markus Schweiß, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Dem englischen Weber James Hargraves gelang 1767 mit der „Spinning Jenny“ (man vermutet dass „Jenny“ für die damals übliche Kurzform für „engine“ steht), der Durchbruch in der Mechanisierung der Garn-Spinnerei. Damit ein Weber kontinuierlich arbeiten konnte brauchte er acht Spinner, die vor- bzw. parallel arbeiten. Aus diesem Grund steckten in seinen allerersten Modellen der Spinning Jenny acht Spindeln, die über ein Handrad bewegt, gleichzeitig arbeiteten. Sehr schnell wurde diese Maschine verbessert und durch mehr Spindeln erweitert. Allerdings machte seine Erfindung viele Spinner arbeitslos, mit der Folge, dass einige Hargraves Werkstatt zerstörten.

Im nächsten Schritt der Entwicklung der Spinnmaschinen kam 1769 ein mechanischer Antrieb dazu. Richard Arkwright entwickelte die Ideen von Wyatt und Lewis weiter und nutzte Wasserkraft als Antrieb. Aus diesem Grund nannte er seine Spinnmaschine Waterframe .

In einem weiteren Entwicklungsschritt verband 1779 Samuel Crompton die Spinning Jenny und die Waterframe zur Spinning Mule.

Bei all diesen Maschinentypen blieb Handarbeit weiter nötig, die von gut geschulten Fachkräften erledigt wurde.

Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelten sich beinahe zeitgleich die ersten vollautomatischen Spinnmaschinen, die Ringspinnmaschine 1828 und Richard Roberts „Selfaktor“ oder „Selfactor“ (= Selbsthandelnder) 1830. Hier wird der Mensch nur noch dazu gebraucht, Garnhülsen auszuwechseln und gerissene Fäden zu flicken.

Ein Video zur Arbeit vom Selfaktor zeigt das Industriemuseum Euskirchen Tuchfabrik Müller:

Die Entwicklung von Spinnmaschinen ging und geht weiter. Trotz alledem hielten sich bis Mitte des 19. Jahrhunderts Handspinnereien für besonders feine Garne. Das erste Kaschmirgarn spann ich mir Ende der 1970er auch lieber mit der Handspindel. Damit hatte ich, bei diesem extrem kurzfaserigen weichen Material, Fadenstärke und Zug beim Spinnen besser unter Kontrolle. Am Spinnrad war es eine einzige Fadenreißorgie gewesen!

Geschichten und Märchen rund ums Spinnen

Schon einmal hatte ich mich intensiver auf diesem Blog mit den Hintergründen des Spinnens beschäftigt. Andrea, die Zitronenfalterin hatte im Februar 2019 zum Monatsmotto Märchenhaftes eingeladen gehabt. Bloß kamen meine Märchenhaften Spinnereien nach Torschluss.

Spinnen, das Spinnrad, Spindeln sind für die meisten keine real bekannten Techniken und Utensilien aus dem erlebten Alltag. Trotzdem wissen Groß und Klein bei der Erwähnung „Garn spinnen“ sofort um was es geht, dank Erinnerungen an Märchen – 2019 fielen mir spontan sechs ein. Da ist Dornröschen, die sich an einer Spindel stach (nicht an einem Spinnrad) oder die spätere Goldmarie im Märchen Frau Holle, die ihre blutige Spindel im Brunnen verlor.

Auch ich holte mir schon blutige Finger beim Spinnen mit der Handspindel. Einmal drückte ich mir einen in der Faser versteckten Dorn ins Nagelbett – AUA – das andere Mal ging mir eine Wacholdernadel unter die Haut.

Auf jedem Mittelaltermarkt finden sich Spinnräder, in jedem Museumsdorf stehen welche in den Wohn- und Gemeinschaftsräumen, als Zeugen wie wichtig sie im Alltagsleben vieler bäuerlich und bürgerlich lebender Menschen waren, bis weit ins 19. Jahrhundert hinein, teilweise noch in die Anfänge des 20. Jahrhunderts – gelesen im Kapitel Pommersche Spinnstubenlieder im Jahrbuch der Volksliedforschung, 1986 (Quelle).

Die im Frühjahr geschorene Wolle wurde in den warmen Sommermonaten gewaschen und zum Spinnen in den Herbst- und Wintermonaten vorbereitet. Um Heiz- und Leuchtmaterial zu sparen trafen sich in manchen Regionen Europas die jungen Menschen in der dunklen Jahreszeit abends, nach der üblichen Tagesarbeit, in Licht- bzw. Spinnstuben. Dieser Zeitraum begann traditionell an St. Martin, dem 11. November, und endete entweder an Lichtmess, dem 2. Februar, oder Mariä Verkündigung, dem 25. März. In diesen Räumen wurde nicht nur gesponnen. Hier wurde in verschiedensten Richtungen handwerklich gearbeitet, denn die jungen Frauen waren nicht unter sich allein, auch junge Männer waren erlaubt. So wurde zwar noch gestrickt und an der Aussteuer gearbeitet, aber ebenso Holz geschnitzt, Körbe geflochten, und mehr. Daneben erzählte man sich Geschichten, musizierte, sang Lieder, lernte sich kennen – die Chance einen Partner zu finden. Nicht immer fanden diese Treffpunkte mit ihrem gemeinschaftlichen Zeitvertreib das Wohlwollen der Kirche und der Gesellschaft.

Mich wundert es nicht, dass die Tätigkeit des Spinnens so vielfältig in Märchen, Sagen und Sprichwörtern zu finden ist.

Da ist der Ariadnefaden aus der griechischen Mythologie – Link – neben der Ehrfurcht, nicht nur der griechischen Philosophen, zu den Fähigkeiten der Frauen die Transformation von der Faser zum Garn und Kleidung zu beherrschen.

Nicht nur in der griechischen und römischen Mythologie wird vom Lebens- oder Schicksalsfaden, der von drei Schicksalsgöttinen gesponnen wird, gesprochen. Ähnlich der griechischen Moiren und den römischen Parzen arbeiten in der nordischen Mythologie die Nornen. (Quelle)

Interessant sind die Ableitungen zu Erzählungen, durch Worte wie Seemannsgarn spinnen, einen Faden verlieren, dem roten Faden folgen, den Faden finden, Gedanken spinnen, jemanden umgarnen.
Das Wort Hirngespinst bekam bei meiner Recherche eine neue Qualität in meinem Denken.

Dazu kommt die abwertende Nutzung, wie zum Beispiel „der/die spinnt doch“. Dieser Ausdruck geht zurück auf die Entstehung sogenannter Spinnhäuser. Seit dem Ende des 17. Jahrhunderts wurden dort vor allem „gefallene“, verarmte und bettelnde Frauen wie in Straflagern untergebracht. Durch Spinnen von Wolle und Flachs verdienten sie sich dort ihren Aufenthalt. Später kamen in diese Einrichtungen außer Kinder, Bettler, verwundete Soldaten, Homosexuelle, chronisch Kranke und Alte noch geistig verwirrte und psychisch kranke Menschen (Quelle).

Glücklicherweise wurde durch Mahatma Gandhi im 20. Jahrhundert das Spinnrad, während des Unabhängigkeitskampfs Indiens, wieder positv besetzt, als Zeichen des Widerstands. Gandhi rief die Inder auf bei ihren Bestrebungen nach Freiheit mit ihrer Kleidung anzufangen, ökonomische Unabhängigkeit anzustreben, die Spinnräder wieder zu nutzen: Keine Stoffe und Kleidung mehr aus britischer Herstellung.

Bild folgt – die Konditionen für die Bildnutzung passten nicht

Zum Abschluss noch …

Spinnen, musikalisch

Neben Geschichten erzählen war Singen eine Beschäftigung in den Spinnstuben und es gibt eine Reihe von Liedern, die das Spinnen besingen.
„Spinn, spinn, meine liebe Tochter“ ist eins der bekanntesten Lieder. Meine Tante sang es mir vor, als ich meine ersten Spinnerfahrungen sammelte und ich fand es als 16-/ 17-Jährige erst einmal überhaupt nicht lustig meine Ambitionen, alte Handwerkstechniken kennenzulernen, mit altbackenen Volksliedgut zu begleiten.

Nach vielen Jahren vertraut mit der Spinnerei sehe ich das entspannter.

Wie jede handwerkliche Arbeit ist Spinnen ab einen gewissen Punkt äußerst anstrengend. Das ist heute noch so.
Wenn damit Geld verdient werden muss will der Faden kein Ende nehmen.

Zum Abschluss noch eins der fünf Mädchenlieder von Johannes Brahms

Auf die Nacht in der Spinnstub’n
da singen die Mädchen,
da lachen die Dorfbub’n,
wie flink geh’n die Rädchen!
Spinnt jedes am Brautschatz,
dass der Liebste sich freut.
Nicht lange, so gibt es
ein Hochzeitgeläut.
Kein Mensch, der mir gut ist,
will nach mir fragen;
wie bang mir zu Mut ist,
wem soll ich’s klagen?
Die Tränen rinnen
mir übers Gesicht.
Wofür soll ich spinnen?
Ich weiß es nicht!

Komponist: Johannes Brahms (1833-1897)
Textdichter: Paul Heyse (1830-1914)

Wenn ihr bis hierher durchgehalten habt, vielen Dank für euer Interesse.

Ich mag Spinnen weiterhin, denn es ist, in überschaubaren Portionen, eine wunderbare Art zu entspannen und gleichzeitig kann beobachtet werden, wie etwas neues entsteht.

Macht’s gut und bis die Tage,

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Kommentare

Ich danke Dir sehr für einen wirklich informativen und schön geschriebenen Artikel, ich musste nicht „durchhalten“ ☺
Immer wieder stehen oder standen in Haushalten Spinnräder als Dekoration, so meine Erinnerungen aus dem vorigen Jahrhundert (das hört sich furchtbar an) aber jemand, der die Wolle oder den Flachs auch wirklich verarbeiten könnte… Ich hatte das Gefühl, man war froh, die mühsame Arbeit der Jugendtage (also die meiner Oma) hinter sich zu lassen.
So viel wunderbare Informationen bei Dir! Ich habe schon aufgesaugt, was uns die zwei Damen in einem schottischen Freilichtmuseum erklärten, während sie mit ihren Gewichten in den Händen immer weiter und weiter spannen.
Meine Schwiegermutter will mich auch immer verführen…ja, wer weiß
„Da spinnen sich Gedanken zusammen…“
Dir auch noch eine schöne Woche und liebe Grüße
Nin

In diesem Jahr hatte ich ursprünglich einen Besuch im Handwebmuseum Rupperath vorgehabt, um vor Ort für diesen und den nächsten Blogpost in dieser Reihe zu recherchieren. Daraus wurde aus bekannten Gründen nichts. Nun meinte ich einen Knopf an diesen Beitrag machen zu müssen. 😉
Über die schottischen Damen musste ich schmunzeln. Einmal die Technik raus läuft das mit der Spindel.
Danke für Dein Interesse.
Liebe Grüße,
Karin

nein, ich musste auch nicht durchhalten, ganz im gegenteil. ein sehr spannender bericht mit vielen informationen. vieles wusste ich nicht, obwohl ich öfter in freilichtmuseen schon einiges über das spinnen gelernt habe. ich wusste z.b. nicht, dass das spinnrad eine so bedeutende rolle gespielt hat, und ich habe mich schon manchmal gefragt, warum es in so vielen märchen vorkommt. jetzt weiß ich es!
ich selbst habe einen sehr alten spinnwirtel aus ton, der sehr schön anzusehen ist. vielleicht sollte ich ihn mal ausprobieren!
ansonsten fände ich spinnen ja toll, habe aber leider eine wollallergie. da würde mir das behandeln von wolle schon nach kurzer zeit juckende ausschläge bescheren.
die katzenhaarkugeln finde ich übrigens sehr toll, auch deine selbstgemachten werkzeuge aus holz.
liebe grüße
mano

Betrifft Deine Allergie auch noch andere Fasern? Es muss ja nicht gleich Flachs sein beim ersten Versuch, aber da gibt es noch Baumwolle, oder viele andere pflanzlichen Fasern, die ich noch nicht ausprobiert habe. Spontan fällt mir Tencel ein, aus Eukalyptus, oder Viskose aus Baumbus.
Ja, die Werkzeuge! Deren Herstellung macht mir auch immer wieder Freude.
Liebe Grüße,
Karin

Das war wirklich eine spannende und informative Lektüre! Meine Schwiegermutter ist auch immer mit ihrem Spinnrad hinter mir her gelaufen. Vermutlich ist das der Grund, dass ich mich nie näher damit beschäftigt habe.
Aber das Färben von Wolle wurde mein Faible. Komm jetzt nur nicht auf die Idee, die Locken meines Hundes zu verspinnen 😉
Liebe Grüße
Andrea

Nein, nein! Die Hundehaare lasse ich Dir! 😀
Da liegt noch genug ungesponnenes Schaf in der Garage.
Vor Jahren verarbeitete ich Unterhaar eines Schlittenhunds. Tolles Material, aber meine Kater waren mit diesem Geruch überhaupt nicht einverstanden.
Wolle zu färben ist auch eine so schöne Beschäftigung. Im Sommer wieder.
Liebe Grüße,
Karin

so ausführlich, habe ich das thema spinnen in meiner ausbildung zur damenschneiderin nicht erhalten. vielen dank. selbst habe ich dieses handwerk noch nie ausprobiert. vielleicht muss moritz unser zugelaufener kater mir erst das rohmaterial liefern.
liebe güsse
christa

Freut mich, Dir Neues mit diesen Informationen gegeben zu haben. Erwarte von Deinem Kater nicht zu viel! 😀 Nicht jedes Katzentier liefert ausreichend Material, glücklicherweise.
Viele Grüße,
Karin

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