58 – 58 – 58 + + plus

oder …

Ein Jahresrückblick zum Geburtstag und wie es ist auf die 60 zuzugehen!

Während ich beginne diesen Bericht zu schreiben bin ich an einem herrlichem Ort, weit weg von zuhause, die Sonnenstrahlen, die mich erreichen, wärmen mich tatsächlich. Ich sitze auf einer Terrasse, über mir hängen, leider noch unreife, Kiwis in Mengen und hinter mir ragt der Ätna empor – mein Geburtstagsgeschenk an mich.

Ich kann es selbst kaum glauben meinen Jahrgang mit Lebensjahren eingeholt zu haben! Die Kilos auf meinen Hüften hatten es vor einem Jahr schon geschafft die 58 zu überholen und in den letzten Monaten noch einiges drauf gelegt.

Gute und bewusste Ernährung kann ab einem gewissen Alter nicht den Bewegungsmangel kompensieren, egal welche Gründe dieser haben mag. So schnalle ich meinen Gürtel zwei Löcher weiter, als vor einem Jahr. Und komme mir jetzt keiner mit:

„Boah, für 58 siehst Du ja echt (noch) gut aus!“

Mann, was soll DAS denn heißen? Geht mir doch alle vom Acker! Ich konnte mit 18 schon nicht gut mit Komplimenten umgehen und daran hat sich wenig geändert. Was soll da schmeicheln, wenn der Blick in den Spiegel trotz altersbedingter Sehschwäche statt jugendliche Pickel Runzeln erkennt und die Waage niemals lügt? Nee, an meinem 58sten war ich morgens erst einmal, in weiser Voraussicht, auf Krawall gebürstet. Grr, bösen Blick aufgesetzt und ab … wie vor 36 Jahren! 😉

karin-anno-1980

Kurz vor der Entstehung dieses Fotos hatte ich einen halben Meter Haare aus Liebeskummer geopfert und mir einen Pony zum Verstecken verordnet, fand Chrissie Hynde von den Pretenders obercool und alles um mich herum (echt Sch ….) blöd. Ein Jahr später stand ich eigenverantwortlich vor einer Klasse mit SchülerInnen in der finstersten Provinz Baden-Württembergs. Angereist mit einem blauen 2CV4, mit einem chinesischem Drachen auf der Motorhaube, und mit Schlangenmotiven bestickten Jeans bekleidet war ich bestimmt nicht die Traumbesetzung dieser Lehrerstelle. Das Jahr darauf fuhr ich, inzwischen an einer anderen Schule, im Auto eines Kollegen hinter dem Bus mit unseren Schülern zu einem Schullandheimaufenthalt ins Allgäu und er hatte mir eine Kassette der Pretenders im Recorder platziert! Woohoo, „Brass in Pocket“ und „Stop your Sobbing“ – ich liebe die Songs immer noch! Arno, where ever you are – danke!

Stop your sobbing, lamentieren kann ich später

Die zwölf Monate meines 58. Lebensjahrs hatten es gesundheitlich nicht gut mit mir gemeint. Depressionen, Panikattacken, Lungenprobleme und dann der Armbruch ließen mich tüchtig alt fühlen, wie aussehen. Viele mir wichtige Dinge musste ich lassen, oder mir fehlten Kraft und Willen sie durchzuführen. So sagte ich unter anderem Reisen ab oder schob Planungen dazu auf, bzw. in die Schublade. Mein inzwischen 16 Jahre altes Auto muss also noch eine Weile durchhalten, in der Hoffnung, da ja manches mit dem Alter besser wird, dass wir 2017 oder 2018 zusammen Irland erkunden werden.

Den Umbau in meiner Wohnung schob ich weiter auf, dafür zog Kater Chewbaccas kleiner Neffe bei uns ein. Der Kleine bringt uns zwei Alten ganz schön auf Trab und wieder in die Spur. Chewie muss sich behaupten und ich mich bewegen! 😉 Richtig sportlich war ich nie, doch immer in irgendeiner Form aktiv in Bewegung. Schwimmen, Laufen, Walken, Fahrrad fahren, etwas Kraftsport hielten mich fit und in Form, abgesehen von den Schäden, die meine Schwangerschaften hinterlassen hatten. Doch bei aller Übung nimmt mir Laufen, Springen, Hüpfen ab und an schwer die Puste und beim sich Bücken klappt das Runter per Schwerkraft oft eindeutig besser als das Aufrichten. Dabei scheinen flugs mal die Muskeln ihr Spannungsvermögen vergessen zu haben.  Keine optimalen Voraussetzungen beim Fotografieren. So landete ich, plumps, satt mit Po, in über 2000 m Meereshöhe, auf einem stacheligem, wenn auch hübschen, Gewächs. AUA!  Astragalus siculus tut richtig weh! So geschehen auf meiner kurzfristig (un)geplanten Reise nach Sizilien, einem meiner zwei Geburtstagsgeschenke an mich. Wie ich die Stacheln oder Dornen, so genau habe ich in dem Moment nicht hingeschaut, aus meinem Hintern bekam war eine andere Sache. Eins von den Teilen hatte sich in einer Naht meiner Jeans versteckt gehabt, so dass ich auch am nächsten Tag noch etwas von diesem Unfall hatte.

58 zu werden, ist kein Drama. Es kommt wie’s kommt und (man) ich muss das beste daraus machen, also die Zipperlein im Zaum halten, das Nervenkostüm pflegen und die Substanz schützen. Ich will nach 38 Arbeitsjahren die nächsten acht bis zur Pension nicht nur durchhalten, sondern noch etwas daraus machen. Den Anfang dazu habe ich gemacht, als ich vor drei Jahren die Betreuung des Schulgartens übernahm und nun im Herbst die Ausbildung zur Kräuterpädagogin begonnen habe. Im Schuljahr 2015/16 nahm meine Schule mit unserem Garten bei der Schulgarteninitiative in Baden-Württemberg teil. Unser Garten-Konzept – ein zum größten Teil von Schülern angelegter und gepflegter, kultivierter Nutz- und Staudengarten – brachte uns eine Auszeichnung und einen Geldpreis ein. Woohooo! Ich bin riesig stolz auf meine SchülerInnen. Von März bis Juni konnte ich mit meinem gebrochenen Arm nur Anweisungen geben, die Umsetzung lag allein in ihrer Hand. Vieles lief anders, als geplant. Noch viel mehr lief besser! 🙂 Manches musste neu durchdacht und anders umgesetzt werden. In der Summe ist es einfach toll SchülerInnen vermitteln zu können wieviel wertvolles unsere Natur bietet. Als ich ihnen erklärte: Unkraut gibt’s nicht wirklich. Es sind meist Pflanzen die an falscher Stelle wachsen! sah ich nur verdrehte Augen, im Sinne von „was will die Alte wieder“. Aber die Brennnesselsuppe schmeckte und die Brennnesselsamen wurden am Ende sogar ohne Handschuhe abgezupft. Getrocknet landete diese Ernte auf dem Salat und dem Butterbrot – lecker!

Was macht die Wunschliste?

Als ich den Film „Das Beste kommt zum Schluss“ (The Bucket List) mit Jack Nicholson und Morgan Freeman als Hauptdarsteller 2007 zum ersten Mal sah, dachte ich mir, so eine Liste brauchst Du auch, schrieb sie und vergaß wo ich sie ablegte. Irgendwann dachte ich wieder an die Liste, suchte sie, fand sie nicht und schrieb eine neue Liste. Letztes Jahr fand ich die alte Liste mit meinen Wünschen wieder und verglich sie mit meiner aktuellen und war verblüfft – beide Listen waren bis auf Kleinigkeiten in der Formulierung identisch. Den Ätna sehen und so weit wie mir möglich in Richtung Gipfel kommen konnte ich nun abhaken und werde auf hierundfort darüber noch berichten. Einen Punkt strich ich und setzte nach der dieser Reise in den Nordosten Sizilens einen neuen Punkt dazu:  Noch einmal Sizilien, an der Küste entlang, einmal rundherum!

Muss ja nicht gleich sein. 😉

Und was macht die Kreativität?

Langsam kommt nach dem Armbruch die Geschicklichkeit zurück. Wenn die Idee im Kopf in die Hände fließen kann um dort auch ausgeführt werden zu können, ohne Blockaden und Schmerzen, ist für mich die Welt in Ordnung. Als kleines Dankeschön gab es für meine Gastgeber ein herbstliches Blumengebinde aus Kiwi-Blättern, frei nach den Herbstrosen aus Ahornlaub. Auch ohne meine üblichen Werkzeuge und Hilfsmittel klappte das Gebinde.

 

Sieben Wochen zu Fuß und per öffentlichem Nahverkehr unterwegs

oder …

Fortbewegung in der meiner Stadt neu entdeckt und Zeit zum Lesen!

 

Sieben Wochen ohne hatte ich zuerst in die Titelzeile getippt, aber als geklautes Motto für viele Fastenaktionen dann doch nicht für meine durch den Armbruch entstandenen Einschränkungen in Sachen Mobilität abnutzen und missbrauchen wollen. Inzwischen sind es neun Wochen geworden und ich freue mich auf den Tag, an dem ich, im Auto sitzend, mit beiden Händen das Lenkrad fassen kann.

Fakt ist, seit dem 12.03.2016 steht mein Fahrzeug in der Garage. Eine Woche nach Gipsabnahme hatte ich es tatsächlich geschafft das Garagentor zu öffnen um nachzuschauen, ob meine treuen, alten Begleiter noch an Ort und  Stelle stehen. Auto wie Fahrrad standen noch dort, wo ich sie abgestellt hatte. Die Fahrradreifen zeigten  jedoch beide einen direkten Bodenkontakt, dem ich spontan abhelfen wollte. Der Versuch die Reifen wieder aufzupumpen scheiterte kläglich mit dem saft- und  kraftlosen, in manchen Bewegungsebenen noch steifen Ärmchen.

Heute fuhr ich wieder die ersten Kilometer auf den, durch den Feiertag, leeren Straßen. Dabei gingen mir einige Gedanken durch den Kopf. Ich komme zwar leichter raus in die Natur, aber dieser Vorteil an Mobilität zieht den Nachteil von geringeren Kontakten und Begegnungen vor der Tür nach sich.

In der Stadt geht es auch ohne Auto, aber mit ist auch ganz nett

Nach Wochen als Fußgängerin und Nutzerin des öffentlichen Nahverkehrs ziehe ich ein Fazit: So viel Begegnungen mit ehemaligen SchülerInnen und Bekannten hatte ich lange nicht mehr! Sicher, auch im Auto unterwegs fällt der Blick ab und an, während einer roten Ampelphase, auf ein bekanntes Gesicht im Auto auf der benachbarten Spur. Der kurze Ampeltakt beschränkt den Kontakt nur auf ein „Winkewinke“ und ein Handzeichen für’s Telefonieren, will man kein Hupkonzert riskieren. Das war’s dann auch. An der Haltestelle, im Bus oder in der Bahn ist das Zeitfenster größer und es kommt von Haltestelle zu Haltestelle eher zu ein paar Worten und Informationsaustausch. Es kamen einige Neuigkeiten zusammen, Schönes, Lustiges, leider auch die eine oder andere traurige Geschichten rund um verliebt, verlobt, verheiratet, (wie viele Kinder wirst du kriegen), geschieden, tot.

Meinen Helferinnen und Helfern machte ich es oft nicht leicht – als Einzelfrau lebend nahm ich Hilfe erst dann an, wenn ich mir wirklich nicht mehr selbst helfen konnte. Es reichte völlig aus, dass ich in der ersten Zeit eine liebe Nachbarin zum Rollladen öffnen morgens hatte, meinen Friseur wöchentlich besuchte, eine Fußpflegerin suchte, die Familie zum Betten beziehen, Wäsche zusammenlegen und Staubsaugen einspannte und in der Schule immer einen lieben Kollegen ansprechen konnte, wenn ein Brett wirklich akkurat zugesägt werden musste oder ein Gartengerät Reparatur benötigte. Alles andere erledigte ich selbst oder es blieb liegen. Durch die Wohnzimmerfenster sehen alle geparkten Autos draußen an der Straße grau aus, müssten mal alle in die Waschstraße. 😉

Viele Wege, die ich sonst mit dem Auto erledigte, werde ich nach den Erfahrungen der letzten Wochen weiterhin mit öffentlichen Verkehrsmitteln gehen bzw. fahren. Ohne lästige Parkplatzsuche bin ich so schneller bei der Post oder auf dem Wochenmarkt.

Keinen Spaß machten mir in diesen Wochen Abendveranstaltungen. Das Hinkommen war in der Regel kein Problem, aber das Heimkommen. Nicht immer fand sich jemand, der mich (wenn ich wollte) nachhause fuhr. Der letzte Bus fuhr wenn die „Party“ richtig schön zu werden versprach, Taxi ist bei Regelmäßigkeit zu teuer, nächtliche Spaziergänge quer durch die Stadt bis an den Stadtrand nicht immer schön. Die Aussicht durch Motorisierung oder Fahrrad wieder flexibel meine Abende und Wochenenden gestalten zu können baut meine Seele auf.

Vor allem freue ich mich auf den ersten gemeinsamen Ausflug mit Konstanze, meiner Kamera. Seit wenigen Tagen reichen Kraft und Geschick in der linken Hand um den Objektivdeckel zu öffnen. Noch fluppt er ab und an wie ein Frisbee in alle Richtungen weg, aber es wird. Doch die Wartezeit, bis Fotografieren in gewohnter Weise geht, verkürze ich mit Lesen.

Ein Lesetipp: Die Luna-Chroniken von Marissa Meyer

Spätestens wenn man alle Magazine und Heftchen in den Wartezimmern durchgeblättert und ge“lesen“ hat bringt man seinen eigenen Lesestoff mit. Auf Empfehlung lud ich mir den ersten Band der Luna-Chroniken, Wie Monde so silbern, auf meinen E-Reader. Die nächsten Bände folgten schnell. Was für ein Spaß, bekannte Märchen in neuem Gewand zu erleben! Da ist es auch einmal egal, wenn manche Charaktere etwas blass rüber kommen – aber allein schon die Idee von Cinderella als Cyborg finde ich der Knaller. Was für ein Kontrast zum Disney-Mädele!

 

Das Ende der Bärlauch-Zeit

oder …

Der Mai ist gekommen!

Kaum zu glauben, der April ist vorbei. Ganz einfach so. Wo ist der Monat nur geblieben? Ohne Fotoausflüge in den Schönbuch und zur Obstbaumblüte ins Gäu fehlt mir dieses Jahr ein kleines Stückchen Frühlingserwachen. Sicher hätte ich eine Chauffeuse oder einen Chauffeur für eine Ausfahrt gefunden: „Sag’s, wenn ich dir helfen kann!“. Doch ohne Konstanze einfach so durch die Landschaft tappen? Mit der/m ruhig gestellten Hand/Arm war seit dem Armbruch kein Fotografieren mit der Spiegelreflexkamera möglich. Aber es geht voran.

Seit gestern kann ich, wenn ich mit der rechten Hand die Kamera halte, mit der linken den Objektivdeckel aufschnippen. Tolle Sache! Kleines Stückchen Glückseligkeit. Zum Schließen muss ich mich bücken und suchen, wo das Teil hingeflogen ist. Um den Deckel wieder aufzusetzen brauche ich noch die rechte Hand.

Heute schaffte ich mit links den Wasserhahn im Spülbecken der Küche zu öffnen. Yeah! Es ist ja „nur“ ein Hebel und es klappte super – fragt meinen Kater! 🙂 Das Ergebnis war eine Riesensauerei, hatte die Qualität ‚Zustand nach Wasserschlacht‘. Aber ich habe den Wasserhahn öffnen können, grobmotorisch zwar, auch noch etwas schmerzhaft, doch effektiv. 😀 Allerdings werde ich den zweiten Versuch mit dem Hahn besser erst nach der nächsten Ergotherapiesitzung versuchen. Habe ich Katerchen versprochen, denn er fand die Springflut aus der Spüle gar nicht lustig. 😉

Doch zurück zum verpassten Frühling draußen in der Natur.

Mit dem Cast rund um Hand und Unterarm konnte ich dieses Jahr auch nicht zu meinem Plätzchen zur Bärlauchernte radeln. Schade! Ich tröstete mich mit ein, zwei gekauften Bünden vom Markt. Als Pesto verarbeitet war es ruckzuck weg gefuttert. Bei den nächsten vier gekauften Bünden hatte ich dann das Pech, dass sie, wohl nass gepflückt und gleich eng gebündelt, im Bund schon schimmelten – bei einem Preis von 1,50€ pro 100g recht ärgerlich. Ich fand mich damit ab dieses Jahr ohne Bärlauch-Depot auszukommen.

Und dann kam ein Gespräch unter Nachbarn, denen ich eigentlich nur ein Päckchen angenommen hatte und ihnen nur abgeben wollte. Als Dankeschön hatte ich von ihnen eine Tüte selbst geernten Bärlauch in die Hand gedrückt bekommen!

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Drei Tage später fragte mich mein Nachbar, ob er mir noch einmal Bärlauch mitbringen soll/kann. Ich antwortete: „Oh, das wäre schön. Ein wenig könnte ich noch brauchen.“ – Wenig ist eine vage Aussage, die unterschiedlich interpretiert werden kann.

Frischer Bärlauch in Salaten ist lecker. Nur leider kann er nur kurze Zeit im Frühjahr geerntet werden. Deshalb verarbeite und konserviere ich jedes Frühjahr einen Teil meiner Ernte um auch später im Jahr Bärlauch genießen zu können.

Bärlauchpesto auf Brot oder zu Spaghetti ist ein toller Einsstieg in die (Basilikum-)Pestosaison, oder auch eine Alternative dazu, denn Bärlauchpesto kommt im Gegensatz zu der mit Basilikum ohne Knoblauch aus. Das hat schon Vorteile! 😀

Von meiner unerwarteten Bärlauchschwemme habe ich

  • die Blätter in Öl püriert
  • die Blätter in Öl püriert, mit Mandeln und Parmesan zu Pesto verarbeitet (Verhältnis Bärlauch:Mandeln:Parmesan – 1:1:1 in Gramm, Öl nach Gefühl und Konsistenz)
  • die Blätter eingefroren
  • die Blätter im Dörrautomat getrocknet
  • die Stengel, wie Gurken, süß-sauer eingelegt
  • die Knospen in Öl eingelegt
  • die restlichen Knospen einfach blühen lassen.

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Tipps aus dem Internet, die ich ausprobiert habe:

Bärlauch haltbar machen

Das ganze Jahr über Bärlauch

Und was ich noch ausprobieren möchte:

Bärlauchkäse – vegan

 

Der Frühling scheint nun wirklich angekommen zu sein!

 

 

Freiheit für den Unterarm

oder …

Der „Gips“ ist ab und die Erkenntnis: Wer rastet rostet! drängelt sich vor.

Reichlich fünf Wochen mit Schienen, Verbänden und wechselnden Casts liegen hinter mir. Dazu noch einmal eine kleine Dokumentation in Bildern.

AUA-Sammlung

Nun ist alles ab! Beinahe eine Woche früher als geplant. Doch nachdem meine Hand in immer kürzeren Abständen in diesen Kunststoff“gipsen“ anschwoll, war am letzten Wochenende noch einmal der Notdienst angesagt.

Wenn ich je wieder einen „Gips“ dieser Art aus therapeutischen Gründen tragen muss und dieser an einem Wochenende, oder in der Nacht, Probleme macht, dann nutze ich meinen Schulschlüssel und kein Taxi zu irgendeiner Notaufnahme!  Es ist besser ich rasple mir mit der nächsten verfügbaren Trennscheibe aus dem Maschinenschrank das Teil selber auf und verschaffe mir so genug Luft bis meine Ärzte wieder ihre Praxis geöffnet haben!

Hinterher ist man immer klüger, vor allem nach einer Horror Show.

Horror 2 empfand ich nachdem dann vom regulär behandelnden Arzt am nächsten Werktag beschlossen wurde: „Hmm, bisschen früh. Tja, der Bruch sieht im Röntgenbild schon ganz gut aus. Wir machen keinen neuen Cast für die letzten Tage der sechsten Woche. Können Sie mit Ihren Fingern eine Faust machen?

Nö!

Aber  so was von NÖ beim Blick auf meine linke Hand: Fremder, wer bist du? Zum Teufel aber auch!

Insgesamt klappten Alltag und Schule ohne Stütze durch Cast oder Schiene die ersten zwei Tage eher weniger gut als die Wochen vorher. Ich muss mich an die neue Situation mit meiner linken Hand bzw. meinem linken Arm gewöhnen:

  • Schmerz = hmpf
  • Funktionalität = hmmpf hmmgggrrrrpffff
Der ausgepackte linke Unterarm im Vergleich.

Beim Spielen mit Katerchen schob ich mir eins seiner Mäuschen in den Handballen, dort wo über Wochen der Cast endete, und fühlte echte Erleichterung. Seitdem ist das Mäuschen mein treuer Begleiter, Notfallhelfer nach Fehlgriffen, Ruhepölsterchen nach einfach zuviel Beanspruchung.

Ansonsten versorge ich mit viel Schmiere die verheilenden Prellungen und die megaempfindliche Haut des über Wochen eingepackten Arms.

Die Haut scheint das Zeug schneller aufzunehmen, als ich es auftragen kann! Hauptsache es wirkt!!!

In der nächsten Woche beginnt die Ergotherapie um von der Grobmotorik wieder zu feinmotorischer Geschicklichkeit zu gelangen.

Vielleicht hilft mir das mit Liebe ausgeschnittene und auf meine am schlimmsten aussehende Blutergüsse aufgeklebte „Hello-Kitty-Tattoo. Danke Ella! 🙂

 

12 von 12 im April 2016

oder …

Grobmotorisch ab in den Frühling

Einen Monat liegt meine BauchArmbruch-Landung hinter mir, das heißt 31 bescheidene Tage und mindestens ebenso viele schxxx schlafarme Nächte mit schmerzendem Arm in diversen Schienen und Casts, Pölsterchen zum Stützen hier, Eisbeutel zum Kühlen.

Der Tag beginnt schon vor dem Wecker. Das Arm-Stütz-Hochlager-Kissen liegt in Seitenlage herausgetrampelt außerhalb vom Bett und der Eisbeutel kühlt in diesen Breitengraden nach Stunden nichts mehr. Zudem sucht Katerchen nach Nachtstunden ohne Streicheleinheit jeden freiliegenden menschlichen Finger. Völlig egal, ob dieser aus einem weißen, blauen oder roten Paket heraus ragt – er riecht vertraut und wird anstupsend aktiviert. AKTIVIERT! Klappt wie betriebsbereiter Alarmknopf: „AaaaaUuuu!“ Und Katerchen rettet sich flüchtend mit deutlichem „MIAU“! Er lernt es nicht, dass mit Fingern, die aus Plastikverpackungen ragen, nicht gut Kirschen essen ist. Aber er freut sich über das frühere (Kater)Frühstück. Klar!

Draußen regnet es. Der Weg zur Arbeit wird wieder ein Rumgewürge mit der Schultasche und dem Regenschirm werden, da ich mit einer Hand nur eines kann, entweder die Schultasche auf der Schulter an Ort und Stelle halten oder den Regenschirm. Zur Sicherheit lasse ich den Laptop zuhause, auch die Thermosflasche mit Tee. Doch erst einmal wach werden und die Schwarzteeblätter versenken, auf Tauchstation bringen, das Teewasser beobachten, wie es sich langsam dunkel färbt. Assam, dunkelschwarz, ohne den es morgens bei mir nicht geht. Vor allem an einem Morgen wie heute. Ganz sicher habe ich, wie der kleine Tiger, einen verrutschten Streifen. 😉

Während der Tee für die zweite Teetasse zieht, richte ich mir meine Lunchbox: „Wurstsalat“ mit isländischem Roggenbrot, Rúgbrauð. Beides Ergebnisse aus Wie-vertreibe-ich-mir-meine-Zeit-Versuchen ohne stricken, nähen, häkeln, schneiden, fotografieren mit Kamera Konstanze usw. zu können, wenn selbst lesen oder auf der Tastatur tippen anstrengend ist. Die vegetarische Wurst bekam ich als Versucherli zu meiner Einkaufsliste dazu gekauft, obwohl ich eigentlich alles Fake-Zeugs nicht esse. Ich komme vegetarisch lebend gut zurecht, ertrage Tofu nur in kleinen Mengen und mit Seitan wie Tempeh kann man mich jagen! Aber nun hatte ich diese „Wurst“ und wegwerfen wollte ich sie nicht. Also „schnippelte“ ich mir mit dem Hackmesser diese fleischlose Fleischwurst klein, zusammen mit Gürkchen, Zwiebeln und Salatgurke und fand das Ergebnis durchaus genießbar. Über das Brot berichte ich extra, denn das war und ist eine Sache für sich! Nicht nur, dass ich es selbst gebacken habe, ohne Handlanger. 😉

Sieben Stunden Unterricht, davon vier im Werkraum und ich bin platt. Irgendwann stand ich dann doch an der Bandsäge – nicht gut, ich weiß – um die Frustrationsgrenze meiner Schüler nicht weiter auszureizen. Als danach die korrigierten Teile für die Wildbienenstände endlich passten war auch die Motivation wieder da.

Endlich zuhause und die Sonne scheint. Katerchen und ich gönnen uns eine Runde Balkonien. Schön!

Beim Gießen entdecke ich diese kleine Moosidylle im Blumenkasten.

Auch auf dem Balkon trocknet ein weiterer Versuch Bananenschalen weiter zu verarbeiten und im Wohnzimmer steht eins der Versuchsergebnisse – Schalen für Bananen. Ich werde darüber berichten.

In der Küche steht die nächste Ladung Kichererbsen für Hummus. Mal sehen, wie dieses Mal ans Ergebnis komme.

Abendessen vorbereiten.

Mehr geht nicht mit der linken Hand, nur halten. Der ideale Durchmesser der zu haltenden Objekte liegt bei 3 bis 5 cm. Aber das reicht für einmal die Spargelenden abhacken. Suppenspargel ist genial, denn der muss nicht geschält werden! Dazu noch der letzte Ackersalat aus dem Schulgarten und Bärlauchpesto, mit der mich eine Kollegin glücklich gemacht hat. Das Abendessen ist angerichtet und …

… wer schneidet mir jetzt den Spargel? Mit Messer und Gabel essen geht gar nicht. Tja! 😉 Das ist der Freibrief zum Schlürfen. Yes! 😀

Zeit für’s Bett. Draußen regnet es wieder. Hoffentlich sind die Wolken bis morgen leer geregnet.

Gute Nacht!

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Eine schöne Woche wünsche ich noch und helft bitte alle den Frühling mit allen verfügbaren Armen und Händen festzuhalten!

Müsli geht immer – selbst gemachtes noch besser

oder …

Was macht der Arm(bruch)?

Tag 18 nach dem Bruch, Tag 12 mit Gips, Tag 3 ohne Schmerzmittel – es geht voran, langsam. Katerchen begreift endlich, dass er irgendwie geartete Kuschelversuche mit den Fingern, die aus diesem blauen, inzwischen müffelnden, Gebilde ragen, lieber lässt. Meine Stimmung ist vergleichbar muffig. Nichts geht so richtig mit dem ich mich sonst gerne beschäftige. Selbst lesen strengt an, sogar mit dem E-Reader. Bleibt die Glotze, ohne Begleitstricken, -häkeln oder sonstiges Gepuzzel. Bis ich auf dem Markt den ersten frischen Bärlauch in diesem Jahr sehe und Lust auf Bärlauchpesto bekomme. Dazu benötige ich auch abgezogene Mandeln und endlich habe ich meine Beschäftigung:

Mandeln überbrühen und enthäuten!

Das geht auch mit einer Hand, plopp plopp plopp, und am Fernseher sitzen ist weniger stupide. Mit dieser Beschäftigung, 500 g Mandeln nackig zu machen, hatte ich eine Weile zu tun. Bis Sohnemann Zeit hatte diese für mich zu verarbeiten schaffte ich es, einen Teil davon, in ein Müsli zu verbacken.

Aber zuerst musste nach dem Abpellen der eigentlich unbeteiligte Arm gekühlt werden. Als Hülle für das Kühl-Pad benutze ich zweckentfremdet eine Kerzenhülle aus Stoff, die mir eine Kollegin zu Weihnachten geschenkt hatte. Der aufgenähte Spruch baut auf!

Warten kann ich. Nicht immer willig und gerne. Aber wenn es hinterher passt ist alles ok. Genug gekühlt und ab in die Küche zum Müsli mischen und knusprig machen. Das Original-Rezept hat irgendwann einmal mein Sohn angeschleppt und es gehört in verschiedensten Modifikationen seit Jahren bei ihm, bei mir und bei meiner Tochter zu den Basis-Vorräten in unseren Küchen. Die Mengenangaben beließen wir, wie beim Original, bei Tasse statt Gramm. Zum Abmessen verwenden wir eine ganz normale Kaffeetasse und nehmen es ansonsten auch nicht so genau mit den Mengen. 😉

Crunchiges Müsli aus dem Backofen

Zutaten
  • 3 Tassen Haferflocken (ich verwende Schmelzflocken, meine Kinder eher die kernigen Haferflocken)
  • 1 Tasse grob gehackte Pecanüsse (oder Walnüsse, oder Haselnüsse, oder andere Kerne, wie z. B. Mandeln, oder irgendwie gemischt)
  • 1/2 Tasse Kokosflocken (ich verwende fertig gekaufte, geröstete Kokoschips, die ich am Schluss, zusammen mit dem Trockenobst ins Müsli gebe)
  • 1 bis 3 Esslöffel braunen Zucker (lasse ich weg, oder nehme höchstens 1 Esslöffel voll)
  • 1/2 bis 1 Teelöffel gemahlenen Zimt
  • 1/2 Teelöffel gemahlenen Ingwer (habe ich nur zur Weihnachtsbäckerei im Haus, deshalb lasse ich ihn meist weg)
  • 1 Prise Salz
  • 1/3 Tasse Honig (oder Agavendicksaft, den ich nicht mag, oder Ahornsirup, oder Rübensaft, oder irgendwie gemischt)
  • 2 Esslöffel Öl
  • 1 Tasse klein geschnittenes gemischtes Trockenobst (es gehen auch getrocknete Beeren, oder für Schokoschnuten Schokostückchen)

Zubereitung
  • Den Backofen auf ca. 150°C vorheizen und ein Backblech mit Backpapier auslegen.
  • Die Haferflocken mit den Nüssen, den Kokosflocken und den Gewürzen in einer Schüssel miteinander verrühren.
  • In einem kleinen Topf den Honig mit dem Öl vermischen und auf kleiner Hitze erwärmen, nicht kochen.
  • Die Honig-Öl-Mischung über die Haferflocken in der Schüssel geben und alles miteinander gut verrühren.

  • Alles zusammen auf dem mit Backpapier ausgelegtem Backblech verteilen. 40 Minuten im Backofen goldbraun rösten und alle 10 Minuten die Mischung wenden.

  • Nach dem Rösten die Haferflockenmischung auskühlen lassen bevor das Trockenobst (Kokoschips, Schokolade oder anderes) untergemischt werden.

Ich esse das Müsli am liebsten mit Joghurt, Milch ist aber auch lecker. 😉

Und Katerchen? Er machte Pause im Einkaufskorb bis es an die Bärlauchpesto ging. Das Rezept gibt es ein anderes Mal.

 

 

 

Herr Doktor, der Gips drückt

oder …

Frau, hilf dir selbst!

Tag 11 nach meinem Sturzflug und am späten Nachmittag startete Eurowings Flug 4U 2520 nach Barcelona. Allerdings blieb Sitz 9C frei – kein Flug mit Gips, wenn er keine Dehnungsfuge hat. 🙁 Dummerweise hatte ich den Flug auch noch mit der Kreditkarte gebucht, die keine Reiserücktrittsversicherung inklusive hat. Ärgerlich. Lehrgeld bezahlt. Dafür ging die Stornierung vom Mietwagen ruckzuck: ein Anruf, eine Emailbestätigung, zwei Mausklicks, zwei Tage später das Geld auf dem Konto, fertig. Muss ja nicht alles dumm laufen.

Aber der Gips drückt. Zwei Mal ging ich zum Nachbessern in die Praxis. Dort wurde hier etwas weggeflext, dort etwas abgeschnitten, mit Pflaster abgeklebt, … und es drückt. Ich nutzte meine Informationsquelle an der Schule und frage meinen gerade erst vom Gips befreiten Schüler:

  • „Sag mal, wie lief es bei Dir?“.
  • „Oh, Frau B.! Ich sagte doch, zwei/drei Wochen tut’s weh.“
  • „Und danach!“
  • „Nervt’s! Aber wie!“

OK. Ich glaube ihm. Mich nervt der Gips schon jetzt, abgesehen davon, dass ich mit ihm meine Freundin in Spanien nicht besuchen kann, wie geplant. Muss das Ding schon wieder so am Daumen drücken? Ich will nicht noch einmal vor der nächsten Kontrolle in irgendeinem Wartezimmer die Zeit tot schlagen.

Druck abgebaut. Ein paar Tränen laufen gelassen. Zur Tagesordnung übergegangen. Es sind Osterferien und Ferientage muss man genießen!

Den Nähplatz aufgeräumt. So leer war er sonst NIE! Alle Nadeln liegen sortiert in Dosen oder Schachteln oder stecken in Nadelkissen. Keine Garnrolle steht oder kullert mehr einsam herum – ähm, fast keine, denn irgendwo tauchen, wie von Zauberhand, wieder welche auf. Als nächstes löste ich den Korb mit den angefangenen Häkelwerken auf. Ich hatte gerade eine Reihe an Utensilien-Körbchen begonnen. Die kommen erst einmal ab in Kartons.

Beim Sortieren und Wegräumen der Häkelnadeln klemmte es wieder rund um den Daumen im Gips. Bevor ich zum Nachdenken kam, hatte ich mir eine Nadel von der Öffnung für die Hand zum Daumen durchgesteckt: Ahhhh! Tut gut! Idee!!

Mit einem durchgefummelten Satinband verschaffte ich meinem Daumen mehr Platz. Leider war das gelbe Band zu breit, schlug Falten und diese könnten scheuern. Aber der Gedanke, mithilfe von Stecknadeln – Akupunktur für den Gips 😀 – das Band zu fixieren, um es dann festzunähen, funktionierte.

In der Kiste mit Geschenkbändern wurde ich zuguterletzt fündig. Das gelbe Band war schnell durch ein weißes, schmales Band ersetzt – dank Häkelnadel ;-). Alles gut festgezogen und festgesteckt.

Nur noch festnähen. Nur. Man nehme die Nadel in eine Hand und den Faden in die andere …, hmm. OK, man nehme den Faden in die eine Hand und die Nadel …, geht auch nicht. Ich glaube, ich habe das erste Mal in meiner Nählaufbahn diese Einfädelhilfe mit der Drahtschlaufe zum Faden einfädeln benutzt und nicht zum Zecken ziehen oder ähnlichem. Tschack, die Nähnadel in das Polster zwischen Hand und Gips gedrückt, Drahtschlaufe durchs Öhr, Faden durch, Einfädelhilfe aus dem Nadelöhr ziehen, Faden drin. Toll.

Alles hübsch festnähen, Faden sichern, Faden abschneiden und der Daumen hat zumindest an einer Stelle Platz an einer seidigen Schmeichelzone.

Mit aufgepimpten Gips klappte es deutlich besser beim Kochen. Zum Glück steht noch etwas Kräutersalz aus schuleigener Herstellung in meinem Gewürzregal. So muss ich nichts selber mischen und/oder mörsern und kann alle unsere Sorten noch einmal testen. Das Salat-Kräutersalz passt super zu Bratkartoffeln und ein anderes Salz erspart mir mit seinem Chilianteil die Pfeffermühle.

Schrittweise schaffe ich es wieder mit der Spiegelreflexkamera zu fotografieren. Zum Einstellen der Entfernung am Objektiv muss ich die Kamera ablegen, weshalb ich die letzten Tage vor allem draußen nur mit dem Handy Fotos gemacht habe. Ein paar meiner Eindrücke als Fußgänger auf meinen Wegen zum Arzt habe ich auf hier und fort gepostet.

 

 

 

Armbruch ist (k)ein Handicap

oder …

Das mache ich doch mit links rechts!

Tag 7 nach meiner Bruchlandung in der eigenen Wohnung. Die Schwellung am linken Armgelenk hat sich verzogen. Die Haut ist bunt, die Finger blau. Die Gipsschiene kommt runter, die Knochenteile der Speiche liegen gut und ich komme um eine Operation herum. Damit die Heilung voran gehen kann bekommt mein linker Arm einen „Gips“ aus Polyurethan. Farblich passend zum Bluterguss in den Fingern, blau, und so gar nicht meine Kleiderfarbe! Mein geschiedener Mann mochte mich in blau (gekleidet) und ich fand und finde die Farbe steht mir nicht. Jetzt mache ich, wie damals, das Beste daraus. Was tut man nicht alles für sich und andere und überhaupt. Das Ding kommt ja wieder weg.

Gips 1 kommt schneller weg als geplant. Schon nach drei Stunden hatte ich das Gefühl: „Nee. Das Ding drückt!“, mich aber entschieden nicht zimperlich zu sein. So ein Knochen braucht einfach Halt zum Heilen. Weitere drei Stunden später, inzwischen 16:30 Uhr, beschloss ich das blaue Gebinde lieber noch einmal den Ärzten in der nächsten, per Bahn und zu Fuß erreichbaren, unfall-chirurgischen Praxis zu zeigen, als wieder den Notdienst, im Krankenhaus oben auf dem Berg in der benachbarten großen Kreisstadt, in Anspruch zu nehmen. Oh, Schmerz lass nach!

Gips runter und ein neuer drauf.

Ich denke an einen Schüler, der sechs Wochen lang, trotz einer eingegipsten Hand, brav an meinem Technik-Unterricht teilgenommen hatte. Genau diesem jungen Burschen war ich kurz nach meinem Desaster begegnet. Nur konnten mich zu diesem Zeitpunkt seine realistischen und verflixt ehrlichen Äußerungen nicht trösten: „Oje Frau B.! Was ist passiert? Hand gebrochen? Blöd! Ach ich kann Sie beruhigen. In zwei bis drei Wochen ist der Schmerz weg!“.

Inzwischen weiß ich seine wahren Worte tatsächlich zu schätzen. Nach sieben, acht Tagen ist der ganz scharfe Schmerz weg. Ich habe nicht mehr das Bedürfnis bei jeder zweiten Bewegung in irgendeinen Tisch oder andere verfügbaren Holzmöbel beißen zu wollen, wovon mir meine Kollegen die Tage dringendst abgeraten haben um nicht noch meinen Zahnstatus zu beeinträchtigen. Stimmt! Dafür bearbeite ich nächtens wieder kräftig meine Beißschiene. Diese am nächsten Morgen einhändig zu putzen ist dann allerdings wieder eine echte Herausforderung! Wenn man die Zeit und die Muße hat könnte es Spaß machen die Flugbahn von über elektrischen Zahnbürsten angetriebenen Beißschienen zu verfolgen. Hat was von Bumerang, oder Frisbee, nach der Wurfart: „Ups, das wollte ich nicht!“. Ich besorgte mir Sprudel-Reinigungs-Tabs für Zahnspangen, obwohl mir von der Verwendung abgeraten wurde. Keine weitere beinahe unendliche Suche krabbelnd auf drei „Beinen“. Der Blick auf die Ablage im Badezimmer, das Wasserglas mit der Schiene und der sich mit Bläschen auflösenden Tablette im Fokus, wirft mich gedanklich Jahrzehnte zurück. So sprudelte es morgens ums Gebiss meiner Oma. Was fühle ich mich alt!

Der erste Versuch mir alleine die Haare zu waschen glückte. Das tropfende Gewuschel zu trocknen ging voll daneben. König der Löwen, eben. Gekämpft mit Bürstenkrallen und Wüstenföhnwind. Das letzte Mal standen mir am Bandgenerator die Haare genau so ab, elektrostatisch aufgeladen bis in die Haarwurzeln. Gehe ich, seit ich die Haare wieder länger trage, vielleicht zwei Mal im Jahr zum Haare schneiden, rief ich nun meinen Friseur an, machte einen Termin außer der Reihe zum Schneiden, Waschen, Föhnen. Das tat SO gut, dass ich mir ‚Haare schön‘ bis zur Gipsabnahme weiter gönnen werde. Und schwupps war ich in meinen Gedanken wieder zurück bei Anno Oma, die sich auch jede Woche 1 x Waschen und Legen gegönnt hat. Was fühle ich mich alt!

ABER, ich habe diese ersten sieben Tage mit Schmerz und Bewegungsbeeinträchtigung geschafft und hinter mir. Als Fußgängerin oder Nutzerin von Bus und Bahn musste zuerst einmal die Handtasche ausgemistet werden. Was man so alles mit sich herum trägt!?! Vom Equipment zur Behandlung der eben erst überwundenen Rüsselpest konnte ich mich trennen. Im Austausch dazu zog Kleingeld für den ÖPNV ein – Kurzstrecke 1,30€, Automat im Waggon. Schon einmal probiert einhändig Münzgeld einzuwerfen ohne sich auf kurviger Strecke festhalten zu können? Ein Sch…schwierig zu lösendes Problem. Zum Glück steigen an meiner Haltestelle auch viele Schüler meiner Schule ein. Da fällt es mir leicht das Lösen der Fahrkarte zu delegieren. 😉

Auch schwierig, die Garderobenfrage. Normalerweise steht dieses typisch weibliche Problem für mich völlig außer Frage. Auf meinen Körper kommen im Winter meist Pullover, T-Shirt und Jeans. Bloß schafft es fast keiner meiner Pullover über die Barriere Gips mit seinem erheblichen Reibungsfaktor. Nach dem dritten Tag im selben Pulli erinnerte ich mich an die Taucherzeit meines Sohnes. Klemmt es beim Anziehen von Taucheranzügen an Arm- und Beinabschlüssen sind unter anderem Plastiktüten hilfreich. (Schon mal eine Mülltüte einhändig von der Rolle gerissen?) Tüte über Hände oder Füße ziehen und den Anzug drüber ziehen, Tüte abziehen. Das muss doch auch mit Pullovern klappen. Probiert. Geklappt! 😀 Ist auch super bei Jacken und Mänteln.

Nach der Plastiktüte mausert sich der ‚Dreizack‘ aus und in der Küche zu meinem zweiten Lieblingsgerät. Das Ding piekst mir nicht nur das Toastbrot aus dem Toaster. Damit bekomme ich mein Obst und Gemüse geschnitten und vieles andere vergipst grobmotorisch festgehalten, entweder senkrecht nach unten …

oder nach oben, gesichert in der Tülle eines Trichters, der wiederum sicher in einem anderen Gefäß steht.

Sechs Tage Nudeln und Reis und ich freute mich auf ein Stück Kartoffel auf dem Teller!

Freude! Außer dem Mittelfinger lässt sich der Daumen wieder etwas benutzen. Heute kann er den Flaschendeckel tragen. Morgen werden wir weiter sehen!

Keine Freude brachten mir etliche bisher sehr liebe Haushaltsfreunde. Auf Kriegsfuß stand ich die Tage mit echter Tupperware und ihrem Frische-pfft. Hilfreiche Freunde versorgten mich mit Vorgekochtem: „Brauchst du nur aufmachen und in der Mikrowelle aufwärmen!“. Besonders dieser gelbe Pott ließ sich einhändig nicht öffnen, auch nicht mit Verrenkungen auf dem Fußboden und Gummisohlen an den Füßen.

Versuch 1: Schüssel zwischen den Füßen eingeklemmt, Nippel hochgezogen, damit automatisch den Deckel runtergedrückt, pfft, Schüssel wieder zu – der hochgelobte Frische-Klick.

Beim zweiten Versuch, die Schüssel wieder zwischen den Füßen eingeklemmt, kam der Gipsarm quer über den Deckel, der rechte Daumen auf den Gips, rechter Mittelfinger hebt den Nippel, den Zeigefinger wollte ich beim Öffnen in zwischen Deckel und Schüssel klemmen. So weit kam ich jedoch nicht. Die Schüssel rutschte weg. Pfft, und zu! Bloß gut nette Nachbarn zu haben! Sie öffnen mir morgens Rollläden, öffnen Flaschen und Schraubgläser, die Deckel von Mülltonnen und zur Not auch widerspenstige Frischhalteobjekte.

Trotz alledem ist der Schulgarten zum größten Teil umgegraben, die Bretter für die Umrandungen vom geplanten Staudengarten sind zugesägt, neue Werkstücke entstehen. Es geht tatsächlich ohne Vor- und Zuarbeiten von mir an den großen Maschinen.

 

Das Aus für meinen Filzstein-Teppich

oder …

Ungebetene, verfressene Gäste

Tierfreund hin oder her, bei manchem Getier hört es dann aber wirklich auf! Den Regenwurm rette ich, über die Wespe wird ein Glas gestülpt damit ich sie wieder nach draußen befördern kann, Spinnen liebe ich und finde sie nur toll (die Netze sollen sie aber bitte woanders platzieren 😀 ), Ameisen und ihre Straßen sind einfach faszinierend, aber bei Fliegen, Mücken, Pferdebremsen hört es dann so langsam auf. Ok, Fliegen kackern eigentlich nur die Fensterscheiben voll, allerdings machen  sie Geräusche und stören den Nachtschlaf. Das ist Frevel genug um in die Klatsch-mich-Liga der stechenden Schwirrer eingeordnet zu werden. An dieser Stelle überspringe ich Silberfischchen & Co. (Yuck!) und komme zu meinem Gruselthema des Tages (Igitt!).

Die Natur hat eine wunderschöne Gattung herausgebracht, die der Schmetterlinge, und die kleine Raupe Nimmersatt war eines der Lieblingsbilderbücher meiner Kinder. Doch wie jede Gattung hat auch die der Schmetterlinge ihre schwarzen Schafe, die Motten! Egal ob in der Küche oder in der Kleidung – sie sind die Pest! Vor Jahren hatte ich mit einer Packung Grieß eine lebensmüde Abart eingeschleppt, die sich über eine Tüte Chilipulver in meiner Küche hermachte, dies überlebte und hoch errötet im Larvenstadium entlang der Küchenwände das Weite suchte!

Doch in meiner Wolle hatte ich über all die Jahre die ich stricke, spinne und nähe NIE einen Besucher der Familie Schmetterling, bis jetzt, und ich habe keine Ahnung wie diese an Lavendel, Sandelholz und anderen Gegnern vorbeigekommen sind. Hier gibt es eigentlich keine Chance für Kleidermotten trotz all der Wolle und der Stoffe um mich herum – taucht eine auf lasse ich alles stehen und liegen und kenne keine Gnade mit ihr. Klatsch und fertig! Dachte ich. Bis heute.

Heute wollte ich beginnen meine über Monate erarbeitete Sammlung an gefilzten Kieselsteinen zu einem Teppich zusammennähen. Und da lag der erste Teil meiner Filzsteine auf meinem Wohnzimmertisch.

 

Was mich irritierte, waren die vielen kleinen Krümel, die mit den Filzkieseln aus den Sammelbehältern rieselten. Ich ahnte ja schon einiges und setzte mir die etwas schärfere Brille auf. Pfui Teufel, was sich da bei näherem Hinsehen zeigte! Teilweise ähnelten die Filzsteine in der Struktur dem Schweizer Käse oder hatten eine zerklüftete Mondlandschaft als Oberfläche.

 

Bei allem Ekel setzte sich mein Forscher-Gen und die Neugierde durch. Also holte ich die Kamera heraus um das ganze Desaster zu dokumentieren, als beim fotografieren Bewegung auf den Steinen entstand! Uhh! Nein, solch einen Wurm hatte ich bisher noch nicht in Wolle gesehen!

Das wollte ich mir dann noch etwas näher betrachten und ich erinnerte mich an die DIY-Bastel-Makrolinse für mein iPhone. YES! Und ich fand es auch sofort – ist ja ein ordentlicher Haushalt, bis auf kleine Monster in und auf meiner Wolle. ARGH! Da bewegte sich das Teil schon wieder!

Irgendwie sah mein Forschungsobjekt schon interessant aus, wie ein filziger Fussel, der tatsächlich mit ein wenig Geduld sein Vorne und Hinten zeigt.

Vorne streckt sich die Larve etwas aus dem Fussel heraus, hält sich auf dem Untergrund fest und zieht den Rest dann hinter sich her.

 

 

Inzwischen weiß ich mit wem ich es zu tun habe, einer Verwandten der Kleidermotte (Tineola bisselliella), der Pelzmotte (Tinea pellionella). Die Larven der Pelzmotten spinnen sich eine schützende Röhre und tragen diese mit sich herum, das ist typisch für diese Art, was sie wie wandernde Fussel aussehen lässt.

Ich habe mich nun von allen Naturmaterialien und Werkstücken aus meinem Arbeitseck Filz getrennt und hoffentlich nimmt keiner die Maisstrohmatten, die auch in dem Eck standen und die ich vorsorglich mitentsorgt habe wieder aus dem Müllcontainer! Leider war unter den von den Motten befallenen Rohmaterialien auch mein angefangenes Filzkaterchen und Katzenhaar von meinem verstorbenen Kater Harry.

Für heute habe ich genug vom Dasein als Forscher, Entsorger und Kammerjäger. Morgen geht es weiter. Doch zuerst werde ich wieder Tierfreund sein, also Katerchen füttern und sein „Katzenkino“ (das Vogelhaus vor dem Küchenfenster) versorgen 😉 .