Armbruch ist (k)ein Handicap

oder …

Das mache ich doch mit links rechts!

Tag 7 nach meiner Bruchlandung in der eigenen Wohnung. Die Schwellung am linken Armgelenk hat sich verzogen. Die Haut ist bunt, die Finger blau. Die Gipsschiene kommt runter, die Knochenteile der Speiche liegen gut und ich komme um eine Operation herum. Damit die Heilung voran gehen kann bekommt mein linker Arm einen „Gips“ aus Polyurethan. Farblich passend zum Bluterguss in den Fingern, blau, und so gar nicht meine Kleiderfarbe! Mein geschiedener Mann mochte mich in blau (gekleidet) und ich fand und finde die Farbe steht mir nicht. Jetzt mache ich, wie damals, das Beste daraus. Was tut man nicht alles für sich und andere und überhaupt. Das Ding kommt ja wieder weg.

Gips 1 kommt schneller weg als geplant. Schon nach drei Stunden hatte ich das Gefühl: „Nee. Das Ding drückt!“, mich aber entschieden nicht zimperlich zu sein. So ein Knochen braucht einfach Halt zum Heilen. Weitere drei Stunden später, inzwischen 16:30 Uhr, beschloss ich das blaue Gebinde lieber noch einmal den Ärzten in der nächsten, per Bahn und zu Fuß erreichbaren, unfall-chirurgischen Praxis zu zeigen, als wieder den Notdienst, im Krankenhaus oben auf dem Berg in der benachbarten großen Kreisstadt, in Anspruch zu nehmen. Oh, Schmerz lass nach!

Gips runter und ein neuer drauf.

Ich denke an einen Schüler, der sechs Wochen lang, trotz einer eingegipsten Hand, brav an meinem Technik-Unterricht teilgenommen hatte. Genau diesem jungen Burschen war ich kurz nach meinem Desaster begegnet. Nur konnten mich zu diesem Zeitpunkt seine realistischen und verflixt ehrlichen Äußerungen nicht trösten: „Oje Frau B.! Was ist passiert? Hand gebrochen? Blöd! Ach ich kann Sie beruhigen. In zwei bis drei Wochen ist der Schmerz weg!“.

Inzwischen weiß ich seine wahren Worte tatsächlich zu schätzen. Nach sieben, acht Tagen ist der ganz scharfe Schmerz weg. Ich habe nicht mehr das Bedürfnis bei jeder zweiten Bewegung in irgendeinen Tisch oder andere verfügbaren Holzmöbel beißen zu wollen, wovon mir meine Kollegen die Tage dringendst abgeraten haben um nicht noch meinen Zahnstatus zu beeinträchtigen. Stimmt! Dafür bearbeite ich nächtens wieder kräftig meine Beißschiene. Diese am nächsten Morgen einhändig zu putzen ist dann allerdings wieder eine echte Herausforderung! Wenn man die Zeit und die Muße hat könnte es Spaß machen die Flugbahn von über elektrischen Zahnbürsten angetriebenen Beißschienen zu verfolgen. Hat was von Bumerang, oder Frisbee, nach der Wurfart: „Ups, das wollte ich nicht!“. Ich besorgte mir Sprudel-Reinigungs-Tabs für Zahnspangen, obwohl mir von der Verwendung abgeraten wurde. Keine weitere beinahe unendliche Suche krabbelnd auf drei „Beinen“. Der Blick auf die Ablage im Badezimmer, das Wasserglas mit der Schiene und der sich mit Bläschen auflösenden Tablette im Fokus, wirft mich gedanklich Jahrzehnte zurück. So sprudelte es morgens ums Gebiss meiner Oma. Was fühle ich mich alt!

Der erste Versuch mir alleine die Haare zu waschen glückte. Das tropfende Gewuschel zu trocknen ging voll daneben. König der Löwen, eben. Gekämpft mit Bürstenkrallen und Wüstenföhnwind. Das letzte Mal standen mir am Bandgenerator die Haare genau so ab, elektrostatisch aufgeladen bis in die Haarwurzeln. Gehe ich, seit ich die Haare wieder länger trage, vielleicht zwei Mal im Jahr zum Haare schneiden, rief ich nun meinen Friseur an, machte einen Termin außer der Reihe zum Schneiden, Waschen, Föhnen. Das tat SO gut, dass ich mir ‚Haare schön‘ bis zur Gipsabnahme weiter gönnen werde. Und schwupps war ich in meinen Gedanken wieder zurück bei Anno Oma, die sich auch jede Woche 1 x Waschen und Legen gegönnt hat. Was fühle ich mich alt!

ABER, ich habe diese ersten sieben Tage mit Schmerz und Bewegungsbeeinträchtigung geschafft und hinter mir. Als Fußgängerin oder Nutzerin von Bus und Bahn musste zuerst einmal die Handtasche ausgemistet werden. Was man so alles mit sich herum trägt!?! Vom Equipment zur Behandlung der eben erst überwundenen Rüsselpest konnte ich mich trennen. Im Austausch dazu zog Kleingeld für den ÖPNV ein – Kurzstrecke 1,30€, Automat im Waggon. Schon einmal probiert einhändig Münzgeld einzuwerfen ohne sich auf kurviger Strecke festhalten zu können? Ein Sch…schwierig zu lösendes Problem. Zum Glück steigen an meiner Haltestelle auch viele Schüler meiner Schule ein. Da fällt es mir leicht das Lösen der Fahrkarte zu delegieren. 😉

Auch schwierig, die Garderobenfrage. Normalerweise steht dieses typisch weibliche Problem für mich völlig außer Frage. Auf meinen Körper kommen im Winter meist Pullover, T-Shirt und Jeans. Bloß schafft es fast keiner meiner Pullover über die Barriere Gips mit seinem erheblichen Reibungsfaktor. Nach dem dritten Tag im selben Pulli erinnerte ich mich an die Taucherzeit meines Sohnes. Klemmt es beim Anziehen von Taucheranzügen an Arm- und Beinabschlüssen sind unter anderem Plastiktüten hilfreich. (Schon mal eine Mülltüte einhändig von der Rolle gerissen?) Tüte über Hände oder Füße ziehen und den Anzug drüber ziehen, Tüte abziehen. Das muss doch auch mit Pullovern klappen. Probiert. Geklappt! 😀 Ist auch super bei Jacken und Mänteln.

Nach der Plastiktüte mausert sich der ‚Dreizack‘ aus und in der Küche zu meinem zweiten Lieblingsgerät. Das Ding piekst mir nicht nur das Toastbrot aus dem Toaster. Damit bekomme ich mein Obst und Gemüse geschnitten und vieles andere vergipst grobmotorisch festgehalten, entweder senkrecht nach unten …

oder nach oben, gesichert in der Tülle eines Trichters, der wiederum sicher in einem anderen Gefäß steht.

Sechs Tage Nudeln und Reis und ich freute mich auf ein Stück Kartoffel auf dem Teller!

Freude! Außer dem Mittelfinger lässt sich der Daumen wieder etwas benutzen. Heute kann er den Flaschendeckel tragen. Morgen werden wir weiter sehen!

Keine Freude brachten mir etliche bisher sehr liebe Haushaltsfreunde. Auf Kriegsfuß stand ich die Tage mit echter Tupperware und ihrem Frische-pfft. Hilfreiche Freunde versorgten mich mit Vorgekochtem: „Brauchst du nur aufmachen und in der Mikrowelle aufwärmen!“. Besonders dieser gelbe Pott ließ sich einhändig nicht öffnen, auch nicht mit Verrenkungen auf dem Fußboden und Gummisohlen an den Füßen.

Versuch 1: Schüssel zwischen den Füßen eingeklemmt, Nippel hochgezogen, damit automatisch den Deckel runtergedrückt, pfft, Schüssel wieder zu – der hochgelobte Frische-Klick.

Beim zweiten Versuch, die Schüssel wieder zwischen den Füßen eingeklemmt, kam der Gipsarm quer über den Deckel, der rechte Daumen auf den Gips, rechter Mittelfinger hebt den Nippel, den Zeigefinger wollte ich beim Öffnen in zwischen Deckel und Schüssel klemmen. So weit kam ich jedoch nicht. Die Schüssel rutschte weg. Pfft, und zu! Bloß gut nette Nachbarn zu haben! Sie öffnen mir morgens Rollläden, öffnen Flaschen und Schraubgläser, die Deckel von Mülltonnen und zur Not auch widerspenstige Frischhalteobjekte.

Trotz alledem ist der Schulgarten zum größten Teil umgegraben, die Bretter für die Umrandungen vom geplanten Staudengarten sind zugesägt, neue Werkstücke entstehen. Es geht tatsächlich ohne Vor- und Zuarbeiten von mir an den großen Maschinen.

 

5 Responses

  1. jetzt weiß ich, warum ich vor kurzem auf deinen blog gestoßen bin! das alles steht mir nämlich auch bevor und der ausblick auf vier wochen einarmigkeit lässt mich nicht jubeln. zum glück ist es bei mir geplant, also kann ich alles „behindertengerecht“ vorbereiten – sprich haare kurz, selbst vorkochen und (nicht in tupper) einfrieren und weitärmelige shirts kaufen.
    ich wünsch dir gute besserung und durchhalten!
    lieben gruß, susi

    1. Danke!
      Ich wünsche Dir und Deiner OP, bzw. dem operierenden Arzt, gutes Gelingen. Pack noch ein paar Gel-Kühlpads in das Tiefkühlfach. Sie machen, regelmäßig eingesetzt, den Gips erträglicher.
      Viele Grüße und frohe Ostern,
      Karin

  2. Hallo liebe Karin,
    dein Blog fasziniert mich schon seit sicher 2 Jahren ( noch auf der alten Plattform).
    Deswegen möchte ich Dir gerne auch gute Besserung und starke Nerven wünschen. Wir wissen wie schwer die alltäglichen Verrichtungen sind wenn man plötzlich eine Hand nicht mehr einsetzen kann und auch noch obendrauf von Schmerzen geplagt wird. (Schwager: Kahnbein gebrochen)

    Ich falle derzeit auch noch aus. Im November auf einer Sportveranstaltung hab ich mir eine Patellaluxtion mit Bänderrissen zugezogen, wurde dann operiert und dazu gesellte sich dann plötzlich eine ausgedehnte Thrombose am Bein.
    Immerhin kannst Du noch laufen 😉 darüber wäre ich noch froh gewesen:)

    Also alles Gute und eine schnelle Heilung. Und auf diesem Weg direkt: Danke für all deine tollen Inspirationen.
    Liebe Grüße Christiane

    1. Liebe Christiane,
      so viel Lob, danke!
      Es ist so, wie Du es sagst, nicht so einfach, wenn man sich nicht in gewohnter Art und Weise bewegen kann und jeder falsche Griff oder Tritt schmerzhaft ist. Nicht Laufen zu können durfte ich vor acht Jahren erfahren. In den Monaten begann ich intensiv zu quilten. Für den Einhandzustand muss ich mir noch eine Beschäftigung suchen. Noch ist der neue Blog nicht ganz fertig.
      Gute Besserung auch an Dich und schöne Ostertage,
      mit vielen Grüßen, Karin

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